Miniaturwelten – Tilt-Effekte aus der Bildverarbeitung

5. April 2014 | Von | Kategorie: Bildbearbeitung

Fotos, die Straßen zeigen, die aussehen, als würden sie nur einige cm groß sein. Menschen, die wie aufgeklebte Kunststofffiguren auf einer Kibri-Eisenbahnplatte wirken. Wie erstellt man ein Bild, welches dem Betrachter vorgaukelt, dass das Betrachtete nur wenige Zentimeter oder gar nur Millimeter groß ist? Es ist nicht sonderlich viel notwendig, und vor allem muss nicht zwangsläufig viel Geld ausgegeben werden. Lediglich ein Bildbearbeitungsprogramm, welches Ebenen zulässt und gutes Ausgangsmaterial sind vonnöten.  (Harm-Diercks Gronewold)

Wenn man das menschliche Gehirn täuschen möchte, denn nichts anderes soll ja versucht werden, dann muss man sich Gedanken machen, worin die Täuschung besteht. Dies ist am einfachsten durch einen kleinen Selbsttest zu machen, indem man sich einen kleinen Gegenstand nimmt und ihn dicht vor die Augen hält, nicht zu dicht sonst schmerzen die Augen! Nun kann man erkennen, dass der Gegenstand scharf ist und das periphere Sichtfeld nicht. Dreht man den Gegenstand in die Tiefe, so wird man nur noch einen Teil scharf erkennen können. Das liegt daran, dass das menschliche Auge auch den Regeln der Optik unterworfen ist. Somit hat das Gehirn seit Kindesbeinen gelernt, dass alles, was einen kleinen Schärfebereich hat, „klein“ ist und alles, was durchgängig scharf ist, das ist „groß“. Der Trick besteht nun darin, dem Gehirn genau diese Reize zu liefern, also muss man den Schärfebereich einengen. Dies kann über ein Tilt-Objektiv oder elektronisch über ein Motivprogramm einer Kamera oder manuell über ein Bildbearbeitungsprogramm mit Maskenfunktion bewerkstelligt werden.

Der Weg über ein Objektiv ist simpel, aber teuer, denn ein Tilt-Objektiv muss an die Kamera. Denn mit diesem Objektiv kann man die Schärfeebene nach Scheimpflugscher Regel verlagern. Oder man kauft ein Objektiv mit großer Brennweite. Für Aufnahmen mit einem weiten Bildfeld muss dann aber noch der entsprechende Aufnahmeabstand gefunden werden. Da Tilt-Objektive und Objektive mit hoher Brennweite jedoch alles andere als Schnäppchen sind, kann man auch per EBV einen solchen Effekt nachträglich einbauen.

Für einen solchen „Betrug“ muss ein Bild vorliegen, welches dem Betrachter sofort als ein Foto ins Auge sticht, was durchgängig scharf ist. Außerdem sollte das Foto möglichst schräg von oben fotografiert sein, so dass der Betrachter auf das Geschehen „hinabblickt“. Dann sollte man sich Gedanken machen, was scharf und was unscharf dargestellt werden soll. Der erste Arbeitsschritt ist dann die Bildebene zu kopieren und mit einem Weichzeichner unscharf zu machen. Hierzu eignen sich der „Gaussche Weichzeichner“ und der Photoshop eigene „Tiefenschärfe abmildern“-Filter hervorragend. Den Unschärfeeffekt erzeugt man je nach gewünschten Bildeindruck. Nachdem die oben liegende Bildebene unscharf bzw. „weich“ ist, muss die untere Ebene wieder partiell zum Vorschein gebracht werden. Dazu legt man nun eine Maske an und achtet darauf, was passiert. Wird das Bild schlagartig wieder scharf, dann wurde die Maske mit schwarz gefüllt und deckt die komplette weichgezeichnete Ebene ab. In diesem Fall muss die Maske umgekehrt werden, also wieder weiß. Im Photoshop klickt man dazu in der Ebenenpalette auf die Maske (rechts neben dem kleinen Bild) und drückt Steuerung und I (strg+i). Nun sollte das weichgezeichnete Bild wieder zu sehen sein. Nun wählt man das „Pinsel“-Werkzeug aus, dieses sollte möglichst „weich“ sein. Sprich: keine scharfe Kante haben und so groß sein, dass er der Breite des gewünschten scharfen Bereichs im Bild entspricht. Nun wählt man die Schwarze Farbe als Pinselfarbe aus und zieht einen möglichst geraden Strich in den Bereich, wo die untere scharfe Ebene wieder zum Vorschein kommen soll. Wichtig ist, dass der Übergang von scharf zu unscharf plausibel ist und nicht abgeschnitten aussieht. Man kann auch den Bereich nachträglich mit einem weiteren Pinselstrich erweitern oder mit weiß als Gegenfarbe verkleinern. Ist der gesamtheitliche Effekt zu stark, kann man noch über die Ebenendeckkraft die Weichzeichnung reduzieren. Wichtig ist, dass der Tilt Effekt immer eine Gerade ist und nie nur einen scharfen Punkt erzeugt.
Wenn das Bild dann so wirkt, wie man es sich vorstellt, dann kann das Foto veröffentlicht werden. Wirkt es noch nicht so, wie man es gerne hätte, so muss erneut die Maske verfeinert werden. So wird oft vergessen, dass Gegenstände im Bild, welche nach oben ragen, durch den Blickwinkel im Bild aussehen als würden sie in die Tiefe gehen. Diese Gegenstände müssen ebenfalls maskiert werden, da sie auf der gleichen Schärfeebene liegen.

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