Was ist eigentlich ein Redesign?

5. Juni 2013 | Von | Kategorie: Vorher - Nachher

Was ist eigentlich ein Redesign? Diese Frage stellten sich Anja Balssat, Inhaberin der Agentur TechTick.Media in Köln, und Nima Sorouri, ebenfalls Mitgründer der Agentur. Beide habe sich mit dem Thema Redesign auseinander gesetzt und den Begriff und das Redesign selbst von verschiedenen Seiten beleuchtet und designkritisch betrachtet.

Aufräumen, Platz schaffen. Das kann regelrecht befreiend sein und es fördert immer wieder kleine Schätze und längst Vergessenes zu Tage. So auch bei unserer letzen Aufräum- und Sortieraktion in unserem Büro. Eine Facharbeit aus Hochschultagen haben wir dabei entdeckt.

Titel der Arbeit: Was ist eigentlich ein Redesign? Da Thema und Inhalt heute ebenso spannend sind wie damals, haben wir beschlossen die Arbeit etwas zu kürzen, stellenweise aktuellere Beispiele zu suchen und hier niederzuschreiben. Es wird der Versuch unternommen, von verschiedenen Standpunkten aus den Begriff Redesign zu betrachten und zu greifen.

Redesign, mit diesem Begriff wird Verschiedenstes assoziiert. Er wird qualifiziert wie unqualifiziert verwendet, im Volksmund ebenso wie in der Medienlandschaft. Um den Begriff und die Sache Redesign greifen zu können, hilft vielleicht ein Blick in die Fachliteratur. Doch weit gefehlt. Schnell zeigt sich, es gibt da nicht wirklich viel in den Designbibliotheken. Das mag sicherlich auch daran liegen, dass das Design als wissenschaftliche Disziplin noch jung ist und die Fachliteratur dieses Bereichs noch etwas braucht, bis sie ausgereifter beziehungsweise vielschichtiger sein wird. Aber es gibt eine lexikalische Bedeutung von „Redesign“. In Wörterbüchern wird hier oft von neu gestalten, umgestalten oder neu entwerfen gesprochen. Als Synonym ist auch der Begriff Relaunch gängig. Laut eines Wirtschaftslexikons ist „das Redesign eine Strategie zur Verlängerung des Lebenszyklus eines Produkts oder einer Marke durch zielgruppenspezifische Anpassung von Produktgestaltung.“ Klar, in einer freien Marktwirtschaft muss es auch einen wirtschaftlichen Hintergrund geben, wenn ein Produkt oder eine Kampagne ein neues Gesicht bekommt. Doch wie tief gehend muss eine Veränderung sein, um von einem Redesign sprechen zu können? Darüber verraten uns die Nachschlagewerke nichts.

Braun-Plattenspieler Phonosuper Sk 4 und MacBook von Apple (2009). Quelle: focus.de, cnet.com

 

Der Schein der Veränderung

Aber wer brauch schon ein Nachschlagewerk, um beurteilen zu können, dass ein kurzzeitig vom Markt genommenes wenig erfolgreiches Produkt, also ein Flop, am Markt wiedereingeführt und in veränderter Form, bloßer Augenwischerei entspricht? In der kapitalistischen Warenwelt ist es keine Seltenheit, dass Produkte oder auch Dienstleistungen nach einem Redesign mehr versprechen als sie halten, zumindest wenn nur äußerlich hier und dort ein wenig verändert, ein wenig aufgehübscht und übermalt worden ist. Stimmt der Umsatz nicht, wird nicht selten der Schein der Veränderung erschaffen. Ein altes Produkt wird in ein neues Gewand gesteckt.

Das stellte bereits in den 70er Jahren Wolfgang Fritz Haug in seiner fundamentalen „Kritik der Warenästhetik“ fest. Haug ist ein großer Kritiker der Konsum- und Warenwelt. Er spricht von Manipulationen. Wenn ein Produkt eine neue, größere und knalligere Verpackung bekommt, sei es kein neues Produkt. Der Käufer werde bloß hinters Licht geführt. Wer kann sich heute noch daran erinnern, welchen Namen früher einmal NicNac, der Partysnack trug? Die Erdnüssen im Teigmantel von der Firma Lorenz gibt es schon ziemlich lange und sie schmecken auch schon ziemlich lange ziemlich gut. Aber erst seit der Umbenennung, seit der bunten neuen Verpackung und seit der Werbestrategie Erdnuss essender Partypeople, ist der Preis in die Höhe gegangen. In der Lebensmittelbranche ist so was keine Seltenheit. Der Verbraucher wird geblendet, manipuliert, wie Haug sagt. Eine neue Verpackung, sie ist vielleicht bunter oder größer mit weniger Inhalt oder gar versehen mit einem doppelten Boden. Das täuscht Veränderung vor.

RadioT1000 von Braun aus dem Jahr 1963 und Apples MacPro. Quelle: topiinsoffitta.blogspot.de, macnotes.de

 

Redesign-Ziel: verständlich kommunizieren

All das ist gängige Praxis und der Begriff des Redesigns wird schändlich verwendet. Aber einmal von stetigen Täuschungen seitens der Industrie abgesehen. Wann kann ein Redesign nötig sein, wann kann es Sinn ergeben und verdient tatsächlich den Namen Redesign? Es gibt für Unternehmen diverse Beweggründe Image und Philosophie zu überdenken und sich verändert darzustellen. Einer der möglichen Beweggründe ist der Anspruch, das eigene Produkt für den Endverbraucher klar und verständlich zu kommunizieren, um so die Einnahmen zu steigern. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, kann ein Redesign nicht nur hilfreich, sondern gar zwingend nötig sein. Das momentan recht erfolgreiche Unternehmen Apple passt sehr gut in diesen Zusammenhang. Eben wie die Firma Braun verfolgt Apple den Anspruch klarer und verständlicher Produktsprache und bereits seit einer ganzen Weile sind beide Firmen damit erfolgreich. In ihrer Produktpalette unterscheiden sich Braun und Apple schon ein Stück weit voneinander. Braun ist bekannt für seine Elektronikprodukte, etwa im Hifi-Bereich. Die Oral B stammt aus dem Hause Braun, ebenso diverse Küchengeräte. Apple hingegen ist bekannt für seine Computer, den iPod oder das iPhone.

Beide Firmen können also auf eine Reihe von Produktinnovationen zurückblicken. Besonders unter der Leitung des Architekten Dieter Rams gelingt es Braun ab Mitte der 50er Jahre immer wieder neue Formen für die eigenen Produkte zu erfinden. Den typischen Look der Zeit ala Nierentische und Co. gibt es dort nicht. Eine zweckgebundene neue Ästhetik entsteht. Brauns Elektrogeräte wirken oft leicht und transparent. Alle von Rams entwickelten Geräte und Produkte sind auf das Wesentliche reduziert. Sie erklären sich selber, können sofort benutzt werden, ohne langes Studieren von Gebrauchsanweisungen. Es geht um logische Lösungen, es geht um Zweckmäßigkeit. Zudem wird Bedienkomfort groß geschrieben. Die leichte und angenehme Bedienung der Geräte aus dem Hause Braun war neu und außergewöhnlich. So war etwa das Mehrfrequenzradio T 1000 im Jahr 1963 bereits am ersten Tag als es in die Geschäfte kam ausverkauft. Kunden ließen sich auf lange Wartelisten setzen. Aber was hat das alles mit dem Thema Redesign zu tun?

Das bereits erwähnte Mehrfrequenzradio T 1000 sieht aus wie der ältere Bruder des Mac Pro von Apple. Diese Ähnlichkeit ist kein Zufall. Vielmehr beruht sie auf der Philosophie von Klarheit, Einfachheit und Zweckgebundenheit, die hinter der Formgebung und Produktsprache steht; im Hause Braun wie im Hause Apple. Jonathan Ive, der seit Ende der 90er Jahre für die Gestaltung der gesamten Apple-Produktlinie verantwortlich zeichnet, bezieht sich in der Öffentlichkeit oftmals auf die Gestaltung Dieter Rams, nennt sie sein Vorbild. Er sei von Rams beeinflusst und geprägt. Man greife bei Apple bewusst die Gestaltung aus dem Hause Braun auf. So wie die Ähnlichkeit kein Zufall ist, ist sie kein Einzelfall. Es gibt eine Reihe von Geräten der Firma Apple die sich in einen direkten Vergleich mit Produkten der Firma Braun setzen lassen.

iPod der ersten Generation & Skizze vom TP1 (tragbares Radio & Plattenspieler), von Rams 1959 entwickelt. Quelle: faz.net

 

Der Opa des iPod

Guckt man sich ein Skizze von Rams zu dem TP 1 (Phonotransistor, tragbares Radio mit Plattenspieler) an, könnte man meinen, es handelte sich um eine Skizze des iPod der ersten Generation. Das TP 1 war zwar nicht so klein, dass man ihn in die Hemdtasche stecken konnte, aber er ist ganz eindeutig der Vorläufer des iPod. Die große Ähnlichkeit der gezeigten Geräte kann nicht geleugnet werden. Obschon oft einige Jahrzehnte zwischen den Produkten liegen und sie teilweise ganz verschiede Technikbereiche abdecken, sehen sie wie eineiige Zwillinge aus, zumindest aber wie Geschwister. Plagiat, heißt es da oft. Doch vielleicht passt hier eher der Begriff Redesign?

 

Transformation von Design

Laut Ive wird die Produkt- und Gestaltungssprache von Braun bei Apple beizeiten bewusst aufgegriffen. Eben deswegen kann auch von Redesign gesprochen werden. Dieser Zusammenhang mag für den Einen oder die Andere bisher etwas konstruiert klingen. Doch das folgende Beispiel dürfte überzeugen: Die Vorbildfunktion des Braun-Designs bei der Taschenrechnerfunktion des iPhone liegt klar auf der Hand. Denn bis auf ganz geringfügige Abänderungen hat Ive den Taschenrechner im iPhone (seit der ersten Generation im Jahr 2007) wie den Braun-Taschenrechner ET 33 gestaltet, den Rams 30 Jahre zuvor zusammen mit Dietrich Lubs und Ludwig Littman entwickelt hat. Das Design ist minimalistisch. Alles ist geordnet und nützlich. Die Ordnungsprinzipien sind klar und streng. Extras gibt es an keiner Stelle. Diese Ordnung hat Ive nicht einfach aufgegriffen, sondern er hat die Gestaltung und Ordnung genommen und in eine neue Technik eingebunden. Er hat sogar die nach außen gewölbten Tasten des ET 33 virtuell nachempfunden. Es handelt sich hier um kein Redesign, das eine Gestaltung mit dem Anspruch der Verbesserung verändern will.

Die lexikalischen Bedeutung von „Redesign“, dass neu- oder umgestaltet wird, greift hier natürlich nicht. Hier ist es komplexer. Es handelt es sich um ein Redesign, das das aufgegriffene Design so gut oder perfekt findet, dass die Gestaltung im wesentlichen unangetastet bleibt. Deshalb kann auch nicht von einem Designzitat gesprochen werden. Ein Zitat wäre zurückhaltender, marginaler. Doch die Ähnlichkeit der Gestaltung beim Apple-Taschenrechner mit dem ET 33 ist so groß, dass eher von einer Transformation des Designs in eine anders Format gesprochen werden sollte. Das Design wird der Zeit und ihren neuen technischen Formen angepasst. Insofern liegt ein Redesign vor. Da dieses Redesign aber nicht von der Firma Braun kommt, sondern von einem anderen Unternehmen, wird im Zusammenhang Braun-Apple oftmals von Plagiat gesprochen. Besonders oft fällt das böse Wort in dem Zusammenhang des iPhone-Taschenrechners und seinem Vorbild ET 33. Rams selber sagt dazu, dass er die neue Form des ET 33 als Kompliment seiner Arbeit empfindet und die Arbeit bei Braun habe einfach Grundsteine gelegt für eine Vielzahl moderner und erfolgreicher Produkte. Für Rams sei es sinnlos, das Rad immer neu erfinden zu wollen, denn gut funktionierende Dinge und Erkenntnisse müssten vor Innovationsdrang und krampfhaftem sich Abheben wollen stehen.

 

Redesign im Alltag, es wird nicht hinterfragt

Wir gehen natürlich nicht alle durch unseren Alltag und denken etwa, ah, dieses Appleprodukt ist ein Redesign. So wie wir nicht auf die Internetseite eines Autoherstellers gehen und erkennen, das in Relaunch stattgefunden hat. Klar, eine interessierte Gruppe von Leuten/Fachleuten verfolgt die Werbe- und Markenindustrie regelmäßig. Generell lässt sich jedoch sagen, dass die neue Nivea-Cremdose nicht sonderlich vielen Käufern auffallen wird und auch Kunden von Fluggesellschaften sinnieren während ihres Billig-Fluges sicherlich nicht besonders häufig darüber, ob germanwings eine neue Aufmachung hat.

Viele Redesigns fallen nicht auf. Zumindest werden sie oftmals nicht als Redesign empfunden. Das ist auch okay. Denn jeden Tag hat irgendein Konzerne und irgendein Unternehmen Veränderungen an sich vorgenommen und geht damit an die Öffentlichkeit. Die Fachpresse ist voll mit Tickermeldungen, wer gerade was für wen relauncht hat. Aber nicht nur die Masse der Informationen und Veränderungen sorgen dafür, dass Redesigns nur von dem interessierten Fachpublikum wahrgenommen werden und von Verbrauchern die einen konkreten Bedarf haben, etwa wenn ein Autokauf ansteht. Deshalb gehören solche Verbraucher kurzfristig sozusagen zum Fachpublikum. Redesigns und Veränderungen, zumindest wenn sie gut gemacht sind, werden nicht als solche hinterfragt. Redesigns gehören zum Alltag und gehen in ihn über und in ihm auf.

Ein einfaches Beispiel: die frisch relaunchte Internetseite, die dafür sorgt, dass ich schnell und unkompliziert Fast Food zu mir nach Hause ordern kann, am besten noch nach 2.00 Uhr in der Nacht, die hinterfrage ich nicht. Sie ist einfach nur da. Solange sie gut ist. Ist sie schlecht, nervt sie, finde ich nicht, was ich suche, erst dann bleibt mir diese Internetseite eine kleine Weile länger im Gedächtnis. Nun lässt sich etwas reißerisch festhalten, fallen den Verbrauchern Neuerungen nicht auf, sind sie gut.

Die Designer, die die Fast-Food-Bestellseite gestaltet haben, werden sicherlich etwas enttäuscht sein, dass die ganze Arbeit am neuen Design nicht mehr Lob erfährt. Aber das Objekt der Betrachtung wird selten mit dem Objekt wie es einst war verglichen. Es ist ein bisschen so wie mit dem Spaziergänger in der Stadt. Da, wo jetzt der Bauzaun ist und diese kahle Fläche, was stand da noch mal für ein Haus, fragt sich der Spaziergänger. Wir kennen das alle. Das, was unwiderruflich weg ist, ist auch weg in unserer bildlichen Vorstellung. Schnell erinnern wir uns nicht mehr an Form, Inhalt, Funktion. Schon gar nicht, wenn etwas Neues an die Stelle des „Abgerissenen“ getreten ist.

 

Original und Kopie

Es gibt Redesigns und so genannte Redesigns. Konkreter: liegt ein gut gemachtes Redesign vor, wird es als ein Original wahrgenommen. Das Produkt oder die Kampagne hat eine eigene neue Identität. Es ist keine Kopie des Vorgängers. Es ist etwas Neues. Viele der so genannten Redesigns, die täglich die Werbefachpresse füllen, lassen sich auch als Kopien ihres Vorgängers bezeichnen, da keine neue Identität besteht, kein neues Image. Farben Strichdicken wurden verändert. Es handelt sich um Beiwerk.

Auch wenn es bereits vor vielen Jahren am Markt eingeführt worden ist, hier ein nach wie vor sehr gutes Beispiel für ein gelungenes Redesign. Es wurde eine neu Identität geschaffen und das Redesign wird von Verbraucherseite als Original empfunden: die Kosmetikfirma Dove hat im Jahr 2005 radikal ihre Identität umgestellt. Das veränderte Image kann ruhig als fragwürdig oder doppelmoralisch diskutiert werden, aber die Werbekampagne von Dove hat zweifelsohne für ein neues Image gesorgt. Die Creme- und Kosmetikprodukte der Firma Dove wurden inhaltlich nicht verändert. Die Verpackungen haben eine leichte, eher unauffällige Veränderung erfahren. Hingegen sehr auffällig und gewollt ist seit dem Imagewechsel das Auftreten des Konzerns. Entschieden stellt Dove sich nun gegen vorherrschende Schönheitsideale. Gravierende gesellschaftliche Problem werden in den Werbespots der Marke thematisiert. So etwa Essstörungen unter noch ganz jungen Mädchen oder der tief in der Gesellschaft verwurzelte Jugendwahn. Teilweise machte Dove in den letzten Jahren gar keine gewöhnlichen Produktwerbungen mehr.

In kurzen Filmen werden knallhart die grässliche Fratze essgestörter Menschen gezeigt, ihr Leiden, das nicht vorhandene Selbstbewusstsein und ihre ausgemergelten Körper. Zudem greift Dove Konkurrenzfirmen der Schönheits- und Kosmetikindustrie im Rahmen des neuen Images indirekt an. Zum Beispiel wird in einem Video gezeigt, wie ein Modell nicht nur geschminkt, gestylt und ausstaffiert wird, sondern auch die Fotomontage wird als Mittel der Werbeindustrie offenbart. Auf diese Weise verurteilt das Unternehmen mit neuem Image die übliche Werbeweise. Die gängige Werbung wird implizit verantwortlich gemacht für kranke und essgestörte Menschen, die den propagierten Schönheitsidealen der Industrie und Medien nacheifern. Der Konzern Dove hat 2005 mit der neuen Werbestrategie weniger Mut bewiesen als Klugheit. Indem gesellschaftlich untypische Körper in den Mittelpunkt gestellt werden und allgemein als übergewichtig oder alt geltende Frauen zum neuen Werbeträger werden, bekommt Dove von all denen, die sich angesprochen fühlen Sympathiepunkte und die Einnahmen steigen. Die Statistiken haben das deutlich bewiesen. Im ersten Jahr nach Einführung des neuen Auftretens ist der Umsatz um ganze 22,6 Prozent gestiegen und Dove bekam den Marken-Award 2006 für den besten Marken-Relaunch.

 

Das Selbstbild der Frau – interessante Werbestrategie

Und auch heute, ca. acht Jahre nach Einführung des neuen Images hält Dove an seinem kritischen Auftreten fest. Als interessantes Experiment handhabt die Werbefachpresse seit kurzem Doves neuesten „Kunstgriff“. Der FBI Phantomzeichner Gil Zamora fertigt von sieben Frauen jeweils zwei Zeichnungen an. Eine der beiden Zeichnung offenbart das Selbstbild der jeweiligen Frau. Denn sie persönlich beschreiben dem Zeichner ihr Gesicht. Die andere Zeichnung entsteht anhand der Beschreibung einer Fremden Person. Die Ergebnisse der Zeichnungen von ein und derselben Frau könnten nicht unterschiedlicher sein. Doves Imagewandel entspricht wie gesagt einem gelungenen Redesign. Niemand weiß mehr wie der Konzern vor der Imagekampagne aufgetreten ist. Und es interessiert auch niemanden. Dove ist jetzt das Original.

 

Aktuelle Trends und die Gefahr der Beliebigkeit

Unternehmen und Personen, die ihr Redesign aktuellen Trends anpassen, laufen Gefahr beliebig zu wirken, wie eine billige Kopie. Eine eigen Identität untergräbt man auf diese Weise oder sie kann gar nicht erst entstehen.

 

Die Schönheitskorrektur

An dieser Stellte soll das Redesign einmal ausdrücklich von der so genannten Schönheitskorrektur unterschieden werden. Wenn etwa die Onlineversion eines Nachrichtenmagazins stetig kleinere Veränderungen erfährt, lässt sich das unter kontinuierlicher Optimierung fassen. Ein Redesign wäre grundsätzlicher, es ginge an Kern und Struktur einer solchen Seite. Ein kurzes Beispiel hierfür: der noch relativ junge Web-Neuauftritt von DIE WELT wird als Relaunch bezeichnet. Doch die Veränderungen lassen sich doch eher mit den erwähnten Schönheitskorrekturen umschreiben. Auf den ersten Blick fallen keine wesentlichen Veränderungen auf. Auch der zweite Blick zeigt eine eher bekannte Umgebung mit nur kleineren Neuerungen. Das ist per se kein Problem. Es ist vielmehr gut und richtig, ständige Optimierung zu betreiben, wie es gut und richtig ist, ein Farbklima zu ersetzen und ein Suchfeld eleganter zu gestalten und zu positionieren. Doch der Begriff Relaunch beziehungsweise Redesign hat hier nicht wirklich etwas zu suchen.

 

Gedankenloser aktueller Gestaltungstrend

Glanz und Glossy, diese Ära scheint erst einmal vorbei zu sein. Flächige und minimalistische Gestaltung ist längst in unserem Alltag angekommen. In den mobilen Zeiten des Web ist das kein Wunder und auch eine sinnvolle Gestaltungsentwicklung. Smartphones und Tabletts etwa. Sie bieten weniger Platz. Da wird Gestaltung sehr wesentlich. Ein reduzierter Stil hat sich längst über die Grenzen des Web hinaus ausgebreitet und den Printbereich stark beeinflusst. Aber mit der Flächigkeit oder Einfachheit kann man es auch übertreiben, beziehungsweise damit vollkommen falsch liegen. Steht kein Grund, kein Konzept, keine inhaltliche Überlegung hinter einer reduzierten Gestaltungsart, wirkt sie billig oder beliebig.

So geschehen auch im Rahmen der aktuellen Imagekampagne der Zigarettenmarke Marlboro aus dem Hause Philip Morris. Der Konzern versucht sich neu zu erfinden und mit seiner aktuellen Kampagne energisch von der Konkurrenz abzusetzen. Namentlich mit der Don’t be a Maybe – be Marlboro- Kampagne. Zu deutsch könnte dieser Slogan übrigens lauten, sei kein Vielleicht, sei Marlboro. Die Idee mag als gut, als schlecht oder als Verzweiflungstat empfunden werden. Hier soll das nicht interessieren.

Doch ein Außenwerbeplakat, das Marlboro vor wenigen Wochen in Umlauf gebracht hat, lässt vermuten, dass die verantwortlich zeichnende Kreativagentur Leo Burnett aus Frankfurt einen aktuellen Gestaltungstrend gedankenlos angewendet hat. Vielleicht ist dieses Werbeprodukt auch einfach in zu großer Hektik entstanden. Immerhin ist die vorherige Plakatreihe der Don’t be a Maybe- Kampagne, die, wo die hübschen Menschen zweifeln und sich dann selbstbewusst dafür entscheiden, „Marlboro zu sein“, derzeit aus dem Verkehr gezogen, freiwillig und auf Veranlassung des Tabakkonzerns. Grund dafür ist, dass die meisten Bundesländer und das Bundesverbraucherschutzministerium einen Verstoß gegen das aktuelle Tabakgesetz sehen. Zumindest scheint es größere Unklarheiten und diverse Beschwerden zu geben.

Links: aktuelles Packungsdesign der Marlboro-Marke „Ohne Zusätze“. Rechts: aktuelles Außenwerbeplakat

Aber nun einmal inhaltlich zu dem bemängelten Außenwerbeplakat: auf einer großen Fläche ist eine Marlboropackung zu sehen. Sie erinnert an das aktuelle Packungs-Design der Marke, wurde aber in reduzierter Form aufs Plakat gebracht. Grundsätzlich spricht da nichts gegen. Doch die reduzierte Gestaltungsart wirkt wie im Vorbeigehen aufs Papier geschmiert. Es ist Leo Burnett nicht gelungen das stimmige minimalistische Design der Zigarettenpackung zu transformieren. Wie könnte dem auch so sein. Die Konturstärken und Strichdicken stoßen einander geradezu ab und es wird ein fragwürdiger Stilmix betrieben. Die Bildebene im Vordergrund und das Hintergrundbild, das womöglich eine Tabakpflanze darstellen soll, ergeben ebenso wenig mit der umgeknickten Plakatecke ein harmonisches Gesamtbild wie mit der nicht durchdachten typografischen Arbeit. Kein geschultes Auge ist nötig, um den Stil- und Schriftenmix als unsauber und disharmonisch zu empfinden. Bei Philip Morris und seinen Kreativen war es eventuell die Zeit, die fehlte, gescheite neue Außenwerbeplakate auf den Markt zu bringen. Nichtsdestoweniger ist ein fehlerhaftes und banales Werbeprodukt entstanden, das sich bei den Betrachtern nicht sonderlich einprägen wird. Es entsteht der Eindruck, dass ein aktueller Gestaltungstrends gedankenlos aufgegriffen worden ist.

 

Alleinstellungsmerkmal Adé

Wie beliebig internationale Konzerne sich beizeiten darstellen, nur weil sie scheinbar achtlos aktuellen Trends hinterher rennen, lässt sich auch anhand einer Reihe von Logos großer Automobilfirmen zeigen. Kurz vorweg: ein Logo, als Teil des Erscheinungsbildes eines Unternehmens, einer Organisationen oder einer Kampagne, sollte neben einigen anderen Kriterien einprägsam und unverwechselbar sein.

Drei Logos als Beispiel für die Gefahr der Beliebigkeit

Nun ist es eher fragwürdig, dass innerhalb weniger Jahre mehrere Konzerne die Logos ihrer Automarken gestalten ließen als wollten sie sich als Geschwister verschiedener ihrer Konkurrenten darstellen. Anhand dieser drei Logos lässt sich sehr schön und einfach aufzeigen, was für Merkmale und Gestaltungen in der Logoentwicklung angewendet wurden, weshalb sie einander also so ähnlich sind. Sie haben alle helle Verläufe, reflektierende und glänzende Flächen, runde Ecken, rote Schriftfarbe bei leicht wirkender Typografie und insgesamt wirken alle drei Logos eher unauffällig und zurückhaltend. In einem Designblog schrieb kurz nach dem Redesign des Citroen-Logos ein User sehr treffen: „irgendwie hab ich das Gefühl, dass bei den Logorelaunches der letzten Jahre nur darauf geachtet wird die Ecken und Kanten eines Logos auzubügeln und das ganze für den Durchschnittsbetrachter möglichst angenehm und unauffällig zu gestalten.“ Genau das ist es, was für die Markenbildung ziemlich ungünstig ist. Einprägsam und unverwechselbar ist von den hier beispielhaft herangezogenen Logos keines mehr. Vielmehr wurden für eine aktuelle Mode Bodenständigkeit und Alleinstellungsmerkmale eingetauscht. Das Feld des Mainstreams wurde betreten und das birgt immer das Risiko, Kurzlebiges zu produzieren.

 

Anja Balssat, geboren 1977, studierte an der RWTH Aachen Germanistik, Philosophie und Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Danach kam das Studium am Fachbereich Gestaltung in Aachen zur Kommunikationsdesignerin. Nach langjähriger Arbeit in einer Werbe- und Textagentur kam die Selbständigkeit. Seit 2011 ist Anja Inhaberin der Agentur TechTick.Media in Köln. Dort wird gerne an Weblösungen gearbeitet, Informationsdesign gemacht und minimalistische Design- Lösungen stehen im Fokus.

 

Nima Sorouri, geboren 1977, studierte Germanistik und Geschichte an der Kölner Uni. Er arbeitete als Lehrer, und einige Jahre für die Fachhochschule Aachen mit am Projekt eLearning. Danach studierte er Communication & Multimedia Design in Aachen und an der Hogeschool Zuyd, Maastricht. Nach dem Studium machte er sich selbständig und ist Mitgründer der Agentur TechTick.Media in Köln. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt vor allem beim responsivem und mobilen Design.

Quelle: http://www.slanted.de/

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