Webfonts

19. Juni 2013 | Von | Kategorie: Typografie

Bezeichnung für auf Hyper Text Markup Language (HTML/XHTML) basierende Fonts, deren typometrische Klassifikationsmerkmale von Webbrowsern (Softwareprogramme zur Darstellung von Webseiten, z.B. Safari ® oder Firefox ®) – unabhängig vom verwendeten Betriebssystem – mehr oder weniger schriftstilnah interpretiert werden können [1]. Etymologisch aus dem Englischen »Web« als Abkürzung für »World Wide Web« für »Weltweites Netz« also »Netz« und engl. »Font« für »Schrift, Zeichensatz«; Netzschriften.

 

Webfonts sind primär für den Einsatz in (X)HTML-Webseiten vorgesehen; sie werden in der Regel beim Aufruf einer Webseite nicht aus der lokalen Schriftdatenbank (Schriftensammlung) eines Computers (z.B. PC, Tablet, Smartphone), sondern von einem externen Webserver in den Browser (Client) eingeladen [6].

 

Das Einbinden eines Webfonts in eine Webseite geschieht in der Regel über CSS (Cascading Style Sheets) [2]. Webfonts werden von Font Foundries in unterschiedlichen Formaten angeboten, beispielsweise als WOFF (Web Open Font Format von Erik van Blokland, Tal Leming und Jonathan Kew) [3], EOT (Embedded Open Type für den Internet Explorer ® von Microsoft ®), SVG (Scalable Vector Graphics) für iPhone, iPad, Mobile Safari oder das Raw TrueType-Format. Einige Browserversionen können mittlerweile auch über die Regel »@font-face« original OpenType Fonts (.otf) oder TrueType Fonts (ttf.) direkt einladen und darstellen [4][5][6][7].

 

[1] Die Darstellung eines Webfonts auf unterschiedlichen PCs und unterschiedlichen Ausgabegeräten weicht in der Regel grundlegend je nach verwendeter Hardware, Betriebssystem, Browser, Browserversion, Grundeinstellungen des Browsers, Bildschirmqualität, Bildschirmauflösung, Anti-Aliasing, Grafikkarte, etc. spürbar voneinander ab. Von einer einheitlichen Darstellung im Sinne der Mikrotypographie kann zurzeit noch nicht gesprochen werden.

[2] Die Technik, Webfonts durch CSS Version 2 (CSS2) in Webseiten einzubetten zu können, wurde bereits 1989 vom World Wide Web Consortium (W3C) empfohlen – jedoch leider erfolglos. 2002 griff die W3C die Technik wieder in CSS Version 3 (CSS3) auf. Die ersten Browser, die diese Technik implementieren konnten, kamen ab 2008 auf den Markt.

[3] Mit der Empfehlung des Web Open Font Format (WOFF) hat das World Wide Web Consortium (W3C) den Standardisierungsprozess der Webschriften am 13. Dezember 2012 abgeschlossen. WOFF ist ein »Container« für die in TrueType- und OpenType-Schriften verwendete SFNT-Struktur, die ursprünglich für Apples QuickDraw entwickelt worden war.

[4] Eine plattformübergreifende typographisch korrekte und verbindliche Darstellung von Webfonts ist aufgrund systemimmanenter Technologiedefizite, unterschiedlicher strategischer und wirtschaftlicher Interessen (z.B. kein einheitlicher Codec) generell noch nicht absehbar.

[5] Welcher Browser welche Fonttechnologien richtig interpretieren kann, ist nach wie vor ein Stochern im Nebel. Verkaufsinformationen à la »erstmals weisen HTML-Texte durch Webfonts für alle Besucher die gleiche, individuelle Typografie auf«, ist wohl mehr der Wunsch der Vater des Gedankens. Alleine die Tatsache, das abermillionen von Windows-PCs nicht einmal über eine Anti-Aliasing-Darstellung verfügen, macht dieses »Verkaufsargument« zur reinen Farse.

[6] Da moderne Browser den offenen Standard der OpenType-Initiative von Adobe ® und Microsoft ® unterstützen, dürften die unterschiedlichen Web-Formate à la WOFF & Co. überflüssig werden.

[7] Webfonts werden von Browsern (Clients) nicht eingelesen, sobald eine Schrift mit gleichem Schriftnamen bereits auf dem PC installiert und aktiviert ist. In der Regel wird dann eine Schrift aufgrund unterschiedlicher Schrifttechnologien falsch dargestellt und auch nicht durch eine andere Schrift ersetzt (der CSS-Befehl für einen alternativen Font, z.B. »font-family: Minion, Times, Garamont, sans-serif;«, funktioniert hier nicht). Konkretes Beispiel: Die Website eines Verlages verwendete die Minion als Webfont in allen gängigen Web-Formaten, welche aus einem OpenType-Format generiert wurden. Diese Website wurde dann mit dem Client Safari ® auf einem Mac neuester Bauart aufgerufen. Auf diesem Mac war allerdings bereits eine komplette Minion-Schriftfamilie in einer Mac TrueType-Schrifttechnologie installiert und in der Schriftensammlung aktiviert. Das Ergebnis: Am Bildschirm erscheinen die Minion aus der Schriftensammlung, allerding in einem x-beliebiger Buchstaben- und Zeichensalat. Der Text war aufgrund unterschiedlicher Tastaturbelegungen nicht lesbar. Erst als der Font in der Schriftensammlung deaktiviert und die Seite neu geladen wurde, konnte der Browser den Text korrekt darstellen.

[T] Bezugsquellen für Webfonts sind Schriftgestalter und Font Foundries. Sie werden per Download über das Internet lizenzgebunden oder kosten- und lizenzfrei distribuiert.

[T] Mehrheitlich werden sogenannte »Webfonts« zur Nutzung angeboten, die leider nichts anderes als Druckschriften und eben keine im Sinne der Lesetypographie für den Bildschirm entwickelten Screen Fonts sind. Viele Font Foundries versuchen so, ihren digital vorhandenen Druckschriftenbestand bestenfalls als »optimierte« Webfonts zu verkaufen. Dies ist nicht nur im typographischen, sondern auch im nutzungsrechtlichen Sinne fragwürdig.

[T] Im Internet gibt es viele lizenzfreie Angebote, beispielsweise Google Fonts mit derzeit ca. 600 Webfonts. Diese sind gestalterisch nicht unbedingt schlechter oder besser als lizenzgebundene Schriften. Anders formuliert: Die Darstellung von Schriften auf digitalen Benutzeroberflächen lässt so oder so sehr zu wünschen übrig.

[T] Der Zeichenvorrat eines Webfonts korrespondiert oft nicht mit dem der/einer gleichnamigen Druckschrift.

[T] Bei fast allen Webfontformaten entstehen Probleme beim Druck. So beantwortet beispielsweise am 19.11.2011 auf dem Webfontday der Typographischen Gesellschaft München Jürgen Siebert (CEO der FontShop AG) die Frage, ob Webfonts gedruckt werden können: »Nein, WOFF-Fonts kann man auf keinen Fall drucken«. Dan Rhatigan (Senior Type Designer der Monotype Imaging Inc.) dagegen: »Ja klar, kann man drucken.« Und Adam Twardoch (Produkt- und Marketing-Manager bei Fontlab Ltd.): »Das hängt vom Browser ab«. (Quelle: »Das war der Webfontday«, Artikel von Anne Dohrmann, www.page-online.de, besucht am 21.11.2011.)

[T] Vor dem »Kauf« eines Fonts sollte der »Schriftlizenzvertrag« genau studiert werden. Im Zweifelsfall ablehnen, im gegenseitigen Einvernehmen abändern oder die Schrift einfach woanders kaufen, wenn möglich beim Schriftgestalter selbst. Denn die Folgekosten können teuer zu Buche stehen, insbesondere für Webfonts, die sich die Font Foundries nach Page Views gerne vergolden lassen wollen.

 

Urheberrecht für Schriften und Mythos »Schriftsoftware«

Eine kritische Anmerkung von Wolfgang Beinert

 

AUS GEGEBENEM ANLASS

Seit einiger Zeit versuchen Font Foundries und Schriftenhändler durch massive PR- und Lobbyarbeit den Eindruck zu erwecken, dass Schrift kraft Gesetz durch Urheberrechte oder sonstige Persönlichkeits- oder Schutzrechte, ähnlich wie Musik, geschützt und geregelt wären. Des Weiteren behaupten Schriftenverkäufer, dass es sich bei Fonts um »Software« handeln würde. In guter alter GEZ-Manier versuchen sie, Designer und Ihre Klientel systematisch mit ihren Betrachtungsweisen zu indoktrinieren und schlussendlich zu verunsichern. Stereotypen á la »Unerlaubtes Kopieren von Software wird als Urheberrechtsverstoß strafrechtlich verfolgt. Das Strafmaß reicht von Geldbußen bis zu Freiheitsentzug. In jedem Fall erfolgt eine Beschlagnahmung der illegal kopierten Software – meist zusammen mit der Hardware, auf der sie benutzt wurde« (Zitat Fontshop AG [1]) scheinen heute zur PR- und Marketingstrategie zu gehören. Letztendlich sind derartige Behauptungen nicht nur unsachlich sondern überdies ungeheuerlich.

 

Um diese Eindrücke etwas zu relativieren, eine kurze Anmerkung …

 

Bekanntlich zählt Schrift seit Jahrtausenden zum Kulturgut der Menschheit (siehe Schriftgeschichte) und Typographie seit Jahrhunderten. Auch digitale Fonts, beispielsweise Webfonts, können deshalb nichts anderes als Kopien (Klone) und Adaptionen Jahrhundert alter Typometrie sein. Gleichartigkeit ist hier kein Manko, sie liegt nun mal in der Natur einer Schrift. Deshalb sind Buchstaben bzw. Schriften im Sinne des Urheberrechts aufgrund ihrer geringen »Schöpfungshöhe« weltweit nicht schutzfähig. Im Ergebnis wurde bisher die urheberrechtliche Schutzfähigkeit von Werksatzschriften (Gebrauchsschriften, Brotschriften, Textschriften) weltweit (!) in allen entschiedenen Fällen verneint, ihnen also der urheberrechtliche Schutz konsequent verweigert. Gleiches gilt selbst für einen einfachen Gebrauchmusterschutz für Textschriften. So wurde beispielsweise 2006 in einem aufsehenerregenden Musterprozess das von Microsoft ® angemeldete Gemeinschaftsmuster der »Segoe UI« für nichtig erklärt, weil auch diese Schriftfamilie aus anderen Schriften – in diesem Falle von einer Schrift Adrian Frutigers – abgeleitet wurde. Nur der Name »Segoe Ul« ® konnte temporär als Warenzeichen eingetragen werden.

 

Font Fountries und Schriftenhändler versuchen deshalb nun durch einen Trick, der auch durch eine beinahe schon sektenhafte PR- und Lobbyarbeit flankiert wird, »Schrift« als »Schriftsoftware« unter den Nutzungsvereinbarungen der EULA (End User License Agreement) zu verkaufen. Diese neue Gepflogenheit ist allerdings mehr als fragwürdig. Denn ob es sich bei einem Font um ein Computerprogramm handelt, ist weltweit mehr als umstritten. Denn bisher wurde auch für »Schriftsoftware« im Ergebnis die für Anwendersoftware benötige Schöpfungshöhe generell verweigert. Daran dürften auch neue Font-Technologien, beispielsweise die plattformübergreifenden OpenType-Formate nichts ändern. Im Gegenteil, denn die OpenType-Initiative ist ein offener Standard, der von Adobe ® und Microsoft ® der gesamten Font Community kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Alle mir bekannten Softwareentwickler und Fachjuristen gehen deshalb davon aus, dass die in Deutschland, Österreich und in der Schweiz verwendeten Endbenutzer-Lizenzverträge (EULA, End User License Agreement) für Font Files sittenwidrig sind und höchstrichterlich keinen Bestand haben werden. Anders formuliert: Es kann kein Nutzungsvertrag zustande kommen, da ein Font keine Software ist und somit nicht über EULA lizenziert werden kann [2].

 

Etwas Polemik: In Anbetracht dessen, dass Schriftgießerein bis Ende der 1970er Jahre ihre Schriften noch per Preis pro Kilo und als Meterware verkauft haben und heute Outlinekorrekturen für Font-Updates sowie das Hinting von PostScript-Outlines von nicht oder schlecht bezahlten Praktikanten erledigt werden, ist der Wunsch – ein Font File wäre eine »Schriftsoftware« – zwar verständlich, aber wohl auch buchstäblich habgierig und infolge mangels besseren Wissens für alle kontraproduktiv.

 

Denn auf den Punkt gebracht ist Schriftgestaltung Handwerk, bestenfalls Kunsthandwerk – so sahen es zumindest weltweit renommierte Schriftgestalter wie Günter Gerhard Lange. The new generation of »type designers« besteht heute leider mehrheitlich meist nur noch aus Copy Nerds, die Vorhandenes mittels Copy and Pase »abgekupfern« und eine PC-autobasierende Dienstleistung daraus machen, die nichts mehr mit der Erfahrung, dem Können und dem künstlerischen Anspruchs eines Paul Helumth Rädisch oder Louis Hoell zu tun haben. Schriftgestaltung ist kein nennenswerter schöpferischer Akt, der durch das UrhG geschützt werden muss. Schließlich ist ein Buchstabe kein Mars Rover. Und ein automatisch generiertes Font File ist keine Anwendersoftware! Und seien wir ehrlich: Einmal abgesehen von der geradezu babylonischen Schriftenvielfalt, stagniert die Schriftgestaltung seit Jahrzehnten substantiell. Der Schriftbestand der früheren Jahrhunderte wird nur verwaltet, wiederverwertet, monetär ausgebeutet oder ideologisch vereinnahmt.

 

Das heißt aber nicht, dass gut zubereitete Qualitätsschriften nichts kosten dürfen. Quid pro quo! Aber keinesfalls über das Hintertürchen »Schriftsoftware«, via Page Views oder sonstige auflagen- oder medienbezogene Abrechnungssysteme. Die Rechtsfolgen für Designer, Unternehmen und alle anderen User wären unabsehbar und somit nicht akzeptabel. Das mögliche Sperren von Websites per einstweiliger Verfügung zur Durchsetzung von Unterlassungsansprüchen im Wege des vorläufigen Rechtsschutzes, Reihenabmahnungen, irrwitzige Schadensersatzforderungen und sonstige juristische Scharmützel gehörten dann zum Alltag. Und ständige Bestrebungen à la ACTA (Anti-Counterfeiting Trade Agreement, welches am 4. Juli 2012 durch das Europäische Parlament vorläufig abgelehnt wurde), würde diese fragwürdigen Rechtsdurchsetzungen dann auch noch mit privaten »Hilfssheriffs« umsetzen und unsere rechtsstaatlichen Prinzipien vollends aushöhlen. Im Übrigen sei darauf hingewiesen, dass der globale Handel mit digitalen Fonts heute bereits ein nahezu monopolistischer Markt ist, den sich im Wesentlichen drei Schriftenhändler teilen und sich dabei eine goldene Nase verdienen. Und was folgt als Nächstes? Vielleicht Lizenzen nach Seitenzahl und Auflage eines Buches? Also Schluss mit der profitgierigen Wahrung von instrumentalisierten und angeblichen Urheberinteressen seitens der »Verwerter«.

 

Gott bewahre uns vor US-Genmais, ACTA und dem Rechtsanspruch auf urheberrechtlich geschützte »Schriftsoftware«!

 

[1] Quelle: Fontshop AG, ALLES WAS RECHT IST, über Schriftlizenzen, Embedding und Fonts im Workflow

[2] An dieser Betrachtungsweise kann auch das von Lobbyisten ständig und einzig erwähnbare Urteil des LG Köln vom Januar 2000 (28 O 133/97) nichts ändern, bei dem es im Wesentlichen um einen Schadensersatzprozess eines Schrift-Versandhandels (Kläger) gegen einen konkurrierenden Schrift-Versandhandel (Beklagte) wegen Raupkopierens von Fonts auf einer kommerziell vertriebenen CD ging. Ein Urteil aus einer protodigitalen Zeit. Heute würde wohl kein Gericht dem damaligen Gutachten des Klägers so folgen können.

[!] Ich habe diese Anmerkung im Februar 2012 veröffentlich. Seit dem wurde ich kontinuierlich von gewissen Lobbyisten »bearbeitet«, um mein Statement zurückzuziehen. Das reicht von Offerten eines Versandhauses für digitale Schriften und Veranstalter von Design-Konferenzen, über Pöbeleien und dumpfer Stimmungsmache im Web, die Sperrung meines Accounts bei einem Typoportal bis hin zur Aufkündigung einer »Facebookfreundschaft« durch einen thüringischen Typo Nerd. Ich finde das alles sehr bedenklich …

 

 

Quelle: http://www.typolexikon.de/w/webfonts.html

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